Panamera 1-ts Diesen Satz habe ich einmal in einer Werbeagentur gelesen. Er prangte in grossen Aluminiumlettern an einer grossen weissen Wand. Sonst nichts. Doch, da war noch Schatten. Die Buchstaben waren etwas von der Wand abgesetzt.

Ich mag eigentlich leere weisse Wände. Das Meiste, was Menschen so an Wände hängen, macht eine leere Wand nicht unbedingt schöner. Im Gegenteil. Dieser Satz war eine schöne Ausnahme. Ich weiss zwar nicht, von wem dieser Satz stammt. Auch nicht, warum er dort an der Wand hing. Ich wusste nur, dieser Satz ist besser als gut. Und er hat mich euphorisiert.

Ich fragte mich, ist das so? Ist ein Porsche besser als gut?

Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, das herauszufinden. Ganze zwei Wochen lang. Ein befreundeter Journalist hat mir einen neuen Porsche Panamera zu meiner ganz persönlichen Freude überlassen. Er selbst fährt das ganze Jahr über nichts als die neusten, schnellsten, effizientesten, geländetauglichsten, ökologischsten, teuersten oder schönsten Autos. Dann schreibt er darüber, wie diese Autos sich so fahren. Wer das lesen will (und das sollte man, auch wenn man sonst nicht so über Autos liest), der muss sich nicht einmal eine Autorevue kaufen. Denn das beste deutschsprachige Automagazin gibt es kostenlos. Es heisst www.radical-mag.com.

Ich bin noch nie Porsche gefahren. Oder ein annähernd ähnliches Fahrzeug aus dieser Sportwagen-Klasse. Würde es mich verändern?

Das war es, was mich interessierte. Nicht die technischen Daten und die Fahrleistungen. Ich wollte herausfinden, wie verändert ein Porsche einen Menschen? Und nicht nur den, der darin sitzt. Sondern auch den, der mich – den Fahrer – darin sieht. Schon der bohrende Blick meines herannahenden Nachbars bei der Übernahme des Wagens gab eine unmissverständliche Antwort darauf. Ich wich einem drohenden Verhör geschickt aus, indem ich mich hinter den Anweisungen des Journalisten verschanzte. Froh darum, dass ich mich nicht erklären musste. Es wäre mir peinlich gewesen.

Ich sollte mich immer wieder dabei ertappen. Wie ich einer Zwangshandlung folgend, die Sache herunterspielte. “Ist das dein Wagen?” “Nein, nein. Nur ausgeliehen.” “Ach so, ich dachte schon.” Ja, was? Was denken sich die Leute? Gott sei Dank kann er sich kein solches Auto leisten? Denn könnte er und würde er, wäre er out of my League? In der Midlife Crisis? So ein Arschloch?

Die ersten Runden mit diesem Brummer zu drehen war aufregend. Aufwühlend sogar. Die Gestaltung des Innenraums ist betörend. Dunkles Leder. Holz. Gebürstetes Aluminium. Die futuristische Innenbeleuchtung. Die wuchtige Mittelkonsole. Die Formensprache jedes noch so kleinen Knopfs. Die Morphologie der Schalensitze, die den Skizzen eines H.R. Gigers entliehen scheinen. Panamera 5-ts Der Begriff ein Auto pilotieren avanciert hier zu einer treffenden Aussage. Panamera 6-ts Es fing an zu schneien, und einen Moment lang habe ich ernsthaft überlegt, die erste Nacht im Auto zu verbringen, statt in meinem Bett.

Die erste Wandlung vollzogen meine Kinder. Man muss wissen, dass man als Eltern einen Stalker-Mindestabstand zu seinen eigenen Kindern im Umkreis der Schule einhalten muss. Denn es gibt für Teenies anscheinend nichts Peinlicheres, als mit den Eltern auf dem Schulweg gesehen zu werden. Es sei denn, man fährt einen Porsche. Meine Kinder haben darum gebuhlt, zur Schule gefahren zu werden. Zweimal täglich.

Ich hasse es, am Morgen meinen Wagen freizukratzen. Wer nicht? Einen vereisten und schneebedeckten Panamera startklar zu machen, bereitet jedoch höchstes Vergnügen. Den reizenden Rundungen sei dank. Entlang den Konturen zu wischen, vor allem dem breithüftigen Heck, fühlt sich an, als würde man eine Venus entblössen. Ohnehin ziehen die Aussenlinien den Blick magisch an. Alles ist ein wenig breiter, wuchtiger, überproportionierter, exotischer.

Was richtig schön ist: Langsam fahren. Überkorrekt gar. Man ist plötzlich sehr spendabel mit der Auslegung der Strassenhackordnung. Selbst in der Rush Hour. Man hat ja Reserven, die auf anderweitigem Terrain besser ausgeschöpft werden können. Mit Grandezza überlässt man den Vortritt, lässt zurückhaltend passieren und erntet dafür anerkennendes Lächeln. Ein anderes Mal drückt der Drecksack in mir durch. Am Rotlicht erkenne ich im Rückspiegel einen ehemaligen Chef. Er sitzt neben einem Taxifahrer. Als es grün wird, bleibe ich stehen. Der Taxifahrer traut sich nicht zu hupen. Seit Gast aber enerviert sich sichtlich. Immer noch derselbe Choleriker. Im letzten Moment lasse ich sie für die nächste Rotphase stehen und drück mich weg. Got ya!

Ungewohnt oft sprechen mich wildfremde Leute an. Bei der Waschstrasse oder im Parkhaus. Bekannte suchen einen Vorwand, um abgeholt oder gefahren zu werden. Dann scannen sie den Wagen ab, und während man über die Fahreigenschaften schwärmt, hören sie aufmerksam zu und nicken still. Ich selbst hüpfe auch bei jeder Gelegenheit ins Auto. Koste jeden Fahrkilometer aus. Schade, dass mein Briefkasten nur 23 Meter von der Haustüre entfernt ist. Ich würde mir sonst die Zeitung zum Frühstück mit dem Porsche holen.

Es gibt jedoch auch emotionale Entladungen. Wie jene eines Geschäftspartners, der zu mir auf auf den Parkplatz stürzt und heftig mit der Handfläche vor seinem Gesicht auf und ab wischt. Mit dem Ausdruck eines bitter Betrogenen stösst er trocken hervor: “Was ist mit dir los?” Es ist dieses unausgesprochene bloss, das da in der Frage mitschwingt und beunruhigend klingt. So als wollte er mich aufrütteln, weil ich im Begriff bin, Karriere und Vita das Klo runterzuspülen, um mit einem siebzehnjährigen Flittchen durchzubrennen. Ich erschrecke, besänftige und relativiere. Wieder einmal.

Dann tröste ich mich mit einer phänomenalen Überlandfahrt. Das Wetter ist schlechter als für die Probezeit erhofft und ich denke, Frau Holle ist eine Bitch. Aber mit jeder verschneiten Kurve und steigender Drehzahl auch – was für ein sexy Luder! Panamera 2-ts Tag vier. Ich entdecke die Daten des Bordcomputers. Nach 8 Stunden und 18 Minuten Fahrzeit zeigt die durchschnittliche Geschwindigkeit 36 km/h an. Soll das ein Witz sein? Das bekomme ich bei schönem Wetter sogar mit meinem Bianchi hin.

Warum gibt es nicht mehr Kurven auf dieser Welt? Serpentinen, wo seid ihr? Autobahn, du Langweiler. Baut da bitte jemand mal ein paar Loopings rein! Es ist diese virile Sportlichkeit, die diese Limousine ausstrahlt. Packend. Obwohl da eine Dieselmaschine schiebt. Ist diese Opa-Version überhaupt ein richtiger Porsche, werden eingefleischte Fans denken. Pah! Ich sag nur: Wolf im Schafspelz. 550 Nm bei 1750 U/min sollten als Argument reichen. Panamera 3-ts Diese athletische Aura gemahnt einen, seinen eigenen Kurven bitte besser zu schauen. Es ist unglaublich, aber dieser Panamera hat es geschafft, dass ich mein seit dem Sommer vernachlässigtes Lauftraining wieder aufnehme. Denn man mag ja dieses Bild von dicken Dekadenten nicht. Sie haben Geld, aber kein Schamgefühl. Und deshalb sollte man ihnen das Fahren solcher Fahrzeuge ausreden. Sollen sie ihre schönen Bellies in Bentleys spazieren fahren. Nicht in Autos, für die sie einen Schuhlöffel zum Einsteigen brauchen. Ich selbst setze mich derweil schamlos natürlich im Trainings-Outfit hinter das kompakte Lenkrad, das diesen Zweitonner mit der Agilität einer Echse über den Asphalt zirkelt und fahre zum Joggen in ein möglichst weit entferntes Waldstück. Leider geil.

Als ich den Wagen nach zwei Wochen retournieren muss, wähle ich selbstredend die komplizierteste Route über Umwege und fahre so viele Land- und Passstrassen wie möglich. Ich habe den Knopf für die Sportabstimmung entdeckt. Der Wagen holpert bockhart über jeden Kieselstein und mein Herz frohlockt jedes mal dazu. Kein Zweifel, ich bin infiziert.

Und ja, die Welt wäre eine bessere, wenn alles ein bisschen mehr Porsche wäre. Panamera 4-ts Claudio del Principe verfasst einen der besten Food-Blogs in deutscher Sprache, www.anonymekoeche.net, den wir dringend und unbedingt und überhaupt zur Lektüre empfehlen. Text und Fotos: Claudio del Principe