Ulf Porschardt, 911 – absolute Ausschliesslichkeit

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Ulf Porschardt, heute stellvertretender Chefredaktor der «Welt», hatte einst schöne Berichte zu Automobilen in der «Weltwoche» geschrieben. Klug, weltgewandt, für einen Deutschen sogar charmant, meist tiefsinnig, wie es sich für einen promovierten Philosophen auch gehört, mit feinem Humor und erfreulich wenig Distanz zum Produkt (und da meinen wir jetzt das Automobil, nicht die «Weltwoche»). Über Sportwagen hat Poschardt auch schon ein Buch geschrieben («Über Sportwagen», 2002), und man liest alleweil viel von ihm, in der «Welt», auf Facebook. Jetzt gibt es noch einmal gut 300 Seiten mehr: 911, erschienen bei Klett-Cotta rechtzeitig zum Jubeljahr des Porsche 911.

Und weil Poschardt ja selber in der Medienwelt daheim ist, liest man derzeit auch grad viel über sein neues Buch. Zumeist sind es Lobeshymnen, verständlich, irgendwie, denn Poschardt hat die Geschichtsschreibung zum Thema Automobil auf ein neues, interessantes Niveau gehoben. «911» ist nicht einfach die simple Aneinanderreihung von Fakten und Jahreszahlen und technischen Daten – das Buch beginnt mit dem Besuch bei einem Psychiater, wo sich der Autor einen Freischein für seine Liebe zum Porsche 911 holt, und endet irgendwo in der Ratlosigkeit, welche eine tiefe Liebe wohl immer mit sich bringt. Dazwischen gibt es viele, viele, meist auch interessante Informationen, man weiss nach der Lektüre von ziemlich allen Promis, die einen 911 besassen oder noch besitzen, man hat eine lange Liste von Filmen, die man noch sehen sollte, man kennt so ein bisschen die Geschichte des Fahrzeugs (wer es genau wissen will, dem sei weiterhin «Forever Young» von Tobias Aichele empfohlen, zwar schon 20 Jahre alt und unterdessen nur noch zu Fantasie-Preisen antiquarisch erhältlich, aber ein besseres Buch über den Porsche 911 wurde nie wieder geschrieben). Man lernt manch ein Fremdwort – und man darf, sogar als Liebhaber des Porsche 911, ziemlich staunen, mit welch absoluter Ausschliesslichkeit hier ein Fahrzeug (über)bewertet wird.

Oh nein, es ist nun wirklich gar nichts gegen den Porsche 911 einzuwenden, wunderbares Automobil, wunderbare Geschichte, wunderbare Geschichten rund um den Wagen. Doch in seinem Lobesdrang hat Herr Poschardt so ein paar Dinge verdreht oder vergessen. Da mag zwar weit vorne im Buch stehen: «Der Elfer hat aus seinen Wurzeln nie einen Hehl gemacht, im Gegenteil», doch das stimmt so nicht, zumindest aus nicht-teutonischem Blickwinkel. Über die Geschichte der Firma Porsche und der Familien Porsche und Piëch in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts würde man gerne weit mehr wissen als nur das, was heute öffentlich zugänglich ist; da plaudert Poschardt viel «hear-say», die (trotzdem bekannten) Fakten sehen anders aus.

Da werden auch in der Frühgeschichte des 911er ein paar Dinge sehrsehr schöngeschrieben, und das setzt sich dann auch ganz intensiv fort in der Bewertung des Wagens: Der war damals, in den 60er Jahren, zwar ein ganz nettes Fahrgerät, doch zu einem Vergleich mit den ernsthaften Produkten aus Italien und Amerika reichten 130 PS und 210 km/h Höchstgeschwindigkeit einfach nicht aus. Das vergessen gerade die deutschen Porsche-Beschreiber gerne und immer wieder. Poschardt schreibt dann auch, der 911er sei das am längsten ununterbrochen gebaute Fahrzeug der Automobil-Geschichte, da vergisst er die Corvette, die er auch sonst nur in ein paar Nebensätzen erwähnt, und den Defender von Land-Rover, den es schon gab, als Porsche noch nicht einmal Autos herstellte unter eigenem Namen. Ach, ja, es gibt da auch sonst noch ein paar Fehler, ärgerliche, der 911 soll eine aussenliegende Nockenwelle haben (Original-Zitat Hans Metzger, der wird im Buch immerhin auch erwähnt: «Wenn wir schon zwei Nockenwellen einbauen, dann können wir sie auch gleich nach oben verlegen.») und kleinhubig soll die Maschine sein. Ist sie aber nicht.

Ausserdem: das Ferrari-Bashing in «911» nervt, es ist völlig unnötig, solches hat der 911er als Produkt nun wirklich nicht nötig. Es nervt auch die wiederholte Haue auf die DS von Citroën, ziemlich deplaziert in einem solchen Buch. Der 911 ist ein grossartiges Automobil, und es wird deshalb nicht grossartiger, wenn auf andere Legenden eingeprügelt wird. Kleinigkeiten, fürwahr, und sie schmälern den Lesegenuss wohl nur bei jenen, deren automobile Genussfähigkeit so ein bisschen über die deutsche Legende hinausgeht.

Doch in vielen Dingen mögen wir Herrn Poschardt recht geben. Die Umstellung von Luft- auf die Wasserkühlung – ein Seelenklau! Die Liebe zu den frühen Modellen – so muss es sein! Der 964 als letzter grossartiger 911 – genau! Der 996 als Prolo, als Geschäftsführer-Limo – stimmt! Sauber beschreibt er das, die Gefühlslagen, die Stimmungsschwankungen (auch innerhalb des Konzerns), ein paar Fremdworte zu viel mag der Autor dafür verwenden, doch so ein bisschen Bildung tut dem Gearhead ja auch ganz gut, zwischendurch.  Und schreiben kann er, der Poschardt, ohja. (pru.)

Ulf Poschardt, 911, Klett-Cotta, Stuttgart 2013

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